Eindrücke von der traumapädagogischen Fachtagung „Who Cares – Traumapädagogik im Licht der Fachkräfte?“ in Innsbruck

Ende Februar führte mich mein Weg nach Innsbruck zur traumapädagogischen Fachtagung „Who Cares? – Traumapädagogik im Licht der Fachkräfte“ an der Universität Innsbruck.

Schon beim Ankommen wurde spürbar, dass diese Tagung einen besonderen Fokus setzte. Im Zentrum standen nicht nur traumatisierte Kinder und Jugendliche, sondern auch jene Menschen, die täglich mit ihren Geschichten arbeiten: die Fachkräfte.

Denn wer im traumapädagogischen Feld tätig ist, kommt an den Geschichten von Gewalt, Verlust und menschlichem Leid kaum vorbei. Die Begegnung mit solchen Erfahrungen kann Betroffenheit, Entsetzen oder auch Hilflosigkeit auslösen. In gewisser Weise bedeutet traumapädagogische Arbeit immer auch die Konfrontation mit grundlegenden Fragen menschlicher Verwundbarkeit.

Die Tagung stellte daher eine zentrale Frage:

Wie können Fachkräfte in diesem Spannungsfeld professionell handlungsfähig bleiben?


Auftakt: Die Pre-Conference der österreichischen Sektion

Den Auftakt der Tagung bildete eine Pre-Conference, gestaltet von der neu gegründeten Sektion Österreich des Fachverbands Traumapädagogik.

Der Rahmen war bewusst interaktiv angelegt und bot spannende Einblicke in die Entwicklung traumapädagogischer Ansätze – von frühen Ursprungsideen bis hin zu konkreten Umsetzungen in unterschiedlichen Praxisfeldern.

Gerade dieser Blick auf die Entwicklung des Feldes zeigte, dass Traumapädagogik kein statisches Konzept ist. Sie entsteht und verändert sich im Dialog zwischen Praxis, Theorie und Reflexion.

Die Gründung der österreichischen Sektion markiert dabei einen wichtigen Schritt, traumapädagogische Perspektiven in Österreich weiter zu vernetzen und gemeinsam weiterzudenken.


Wenn das Leid anderer auch uns berührt

Ein zentraler Gedanke, der sich durch mehrere Beiträge der Tagung zog, war die Frage nach den Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf Fachkräfte selbst.

Empathie ist eine zentrale Voraussetzung für helfende Beziehungen. Gleichzeitig kann sie dazu führen, dass Fachkräfte emotional stark von den Erfahrungen anderer berührt werden. In diesem Zusammenhang wird häufig von sekundärer Traumatisierung oder „compassion fatigue“ gesprochen.

Die Arbeit mit traumatisierten Menschen bedeutet häufig, mit Erfahrungen konfrontiert zu sein, die schwer zu verstehen oder in Worte zu fassen sind. Gewalt, Verlust oder extreme Einsamkeit können grundlegende Annahmen über die Welt erschüttern.

Gerade deshalb wird in traumapädagogischen Kontexten deutlich, wie wichtig Räume sind, in denen Erfahrungen gemeinsam verstanden und eingeordnet werden können.


Wenn Hilflosigkeit auch Fachkräfte erreicht

Ein weiterer Gedanke der Tagung, der mich beschäftigt:

Hilflosigkeit ist nicht nur eine Erfahrung der Betroffenen, sie kann sich auch auf Fachkräfte übertragen.

Im Kontakt mit Gewaltbetroffenen entsteht häufig ein Spannungsfeld. Von außen betrachtet scheint es manchmal potenzielle Handlungsmöglichkeiten zu geben, etwa eine Anzeige zu erstatten oder eine Beziehung zu verlassen. Gleichzeitig erleben Betroffene ihre Situation oft als ausweglos und fühlen sich ausgeliefert.

Für Fachkräfte besteht die Herausforderung darin, diese Dynamik zu verstehen, ohne vorschnell in Bewertungen oder Schuldzuweisungen zu geraten. Die Reflexion der eigenen Hilflosigkeit ist dabei ein wichtiger Bestandteil professionellen Handelns.


Traumapädagogische Haltung im Team

Ein weiterer Beitrag, der mich besonders angesprochen hat, war der Vortrag und Workshop von Jacob Bausum.

Seine Arbeiten sind mir bereits aus meiner eigenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Traumapädagogik bekannt, weshalb es besonders spannend war, ihn nun auch persönlich zu erleben.

Im Zentrum seines Workshops stand eine Frage, die für traumapädagogische Praxis zentral ist:

Wie entsteht eine traumapädagogische Haltung im Team?

Dabei wurde deutlich, dass traumapädagogisches Arbeiten nie allein auf individueller Kompetenz beruht. Haltung entsteht vielmehr im gemeinsamen Denken, im Austausch und in der kontinuierlichen Reflexion innerhalb eines Teams.

Diese Perspektive unterstreicht, wie sehr traumapädagogische Qualität auch von organisationalen Strukturen und Teamkulturen abhängt.


Beziehung als gemeinsamer Denkraum

Ein weiterer spannender Gedanke kam aus einem Vortrag über das Konzept des Containing.

Dabei geht es weniger um eine konkrete Methode als um eine Perspektive auf das Beziehungsgeschehen zwischen Fachkraft und Klient*in. Zwischen beiden entsteht ein gemeinsamer psychischer Raum – ein intersubjektives Feld –, in dem Erfahrungen verstanden und Bedeutungen gemeinsam entwickelt werden können.

Dieses Feld wirkt gewissermaßen wie ein „dritter Akteur“ in der Beziehung. Es ermöglicht, dass auch schwer fassbare Erfahrungen langsam in Worte, Bilder oder Gedanken übersetzt werden können.


Ausblick

Die zwei Tage in Innsbruck haben mir einmal mehr gezeigt, wie vielschichtig traumapädagogische Arbeit ist. Sie bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen fachlichem Wissen, persönlicher Haltung und der Fähigkeit, auch schwierige Erfahrungen gemeinsam auszuhalten und zu verstehen.

Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Aufgaben traumapädagogischer Praxis:
Räume zu schaffen, in denen Erfahrungen Bedeutung bekommen können, für die Menschen, die Hilfe suchen, ebenso wie für jene, die sie begleiten.

Der Austausch mit Kolleg*innen und Fachpersonen zeigt immer wieder, wie wichtig solche Orte des gemeinsamen Nachdenkens und Weiterentwickelns sind.

Weiterführende Informationen

Die Tagung stand im Zusammenhang mit der neu gegründeten Sektion Österreich des Fachverbands Traumapädagogik. Der Fachverband setzt sich seit vielen Jahren für die Weiterentwicklung traumapädagogischer Konzepte, fachlichen Austausch und die Vernetzung von Praxis, Forschung und Ausbildung ein.

Weitere Informationen zur Arbeit des Fachverbands sowie zu traumapädagogischen Veranstaltungen und Veröffentlichungen finden sich auf der Website des Fachverbands Traumapädagogik:

👉 https://www.fachverband-traumapaedagogik.org


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