
Am 10. September durfte ich in Mattighofen gemeinsam mit Propst Mag. Leon Sireisky einen Dialogabend unter dem Titel „Was uns trägt“ gestalten. Im Mittelpunkt standen Fragen, die sowohl in religiösen als auch in psychotherapeutischen Kontexten immer wieder auftauchen: Was gibt Menschen Halt? Woher kommen Orientierung, Hoffnung und Sinn? Und was hilft uns, wenn Vertrautes ins Wanken gerät?
Schon im Vorfeld war für mich wichtig, dass dieser Abend kein Versuch darstellten sollte, Psychotherapie und Religion miteinander gleichzusetzen. Beide haben eigene Zugänge, eigene Sprachen, eigene Traditionen und Aufträge. Gerade darin lag für mich aber auch die Stärke des Abends. Dieselben großen Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und dort genauer hinzuhören, wo sich Berührungspunkte ergeben.
Propst Leon Sireisky brachte dabei einen beeindruckenden Schatz an Wissen und Erfahrung ein. Besonders bereichernd war seine Offenheit, Gedanken aus unterschiedlichen Richtungen aufzugreifen, weiterzuführen und auch dort offen zu bleiben, wo es keine einfachen Antworten gibt.
Moderiert wurde der Abend von Caro Windsperger, die mit viel Gespür durch das Gespräch führte, Fragen öffnete, Gedanken miteinander verwob und dem Dialog durch ihre Moderation Raum zur Entfaltung gab.
Zwei Perspektiven auf dieselben Fragen
Aus psychotherapeutischer Sicht beschäftigt mich die Frage, wie Menschen Sicherheit und inneren Halt entwickeln können.
Wir tragen vieles in uns. Erfahrungen, Beziehungen, Verletzungen, Erinnerungen und Ressourcen. Gleichzeitig entsteht Stabilität nicht ausschließlich im Inneren eines Menschen. Sie entwickelt sich in Beziehung, in Zugehörigkeit, im Erleben von Resonanz und in der Erfahrung, mit schwierigen Fragen nicht allein bleiben zu müssen.
Gerade hier wurde für mich die Spannweite des Abends besonders deutlich. Von Petrus bis Viktor Frankl, von religiösen Bildern des Getragenseins bis zu psychotherapeutischen Fragen nach Orientierung, Beziehung und Sinnverständnis. Viktor Frankl hat den Menschen immer auch als ein Wesen verstanden, das über sich selbst hinausweist, auf einen anderen Menschen, eine Aufgabe oder einen Sinn.
Halt bedeutet nicht nur, möglichst unabhängig und innerlich stark zu sein. Halt kann auch dort entstehen, wo Menschen sich verbunden erleben, wo jemand zuhört, wo Orientierung angeboten wird oder wo eine Erfahrung in einen größeren Sinnzusammenhang eingeordnet werden kann.
Ein gemeinsames Forschen
Und wenn vom Tragen die Rede ist. Getragen haben diesen Abend ganz wesentlich die Besucher*innen selbst. Mit ihrer Offenheit, ihren Fragen, ihrer Resonanz und der Bereitschaft, sich gemeinsam auf diese großen Fragen einzulassen.
Dadurch entstand weit mehr als ein Gespräch zwischen zwei Menschen im Dialog. Der Abend entwickelte sich so zu einem gemeinsamen Denk- und Forschungsraum. Unterschiedliche Perspektiven konnten nebeneinanderstehen, sich ergänzen und auch einmal widersprechen. Fragen mussten nicht sofort aufgelöst werden. So konnte sich ein Resonanzraum entwickeln, der sich im Vorhinein kaum planen lässt.
Für psychotherapeutische Prozesse ist mir dieser Gedanke sehr vertraut. Entwicklung entsteht nicht immer dadurch, dass möglichst schnell eine Antwort gefunden wird. Manchmal braucht es zuerst einen Raum, in dem eine Frage überhaupt gestellt und (aus)gehalten werden kann.
Räume für grundlegende Fragen
Die Gespräche, Beiträge und Rückmeldungen nach dem Abend haben gezeigt, dass es ein Bedürfnis nach solchen Begegnungsräumen gibt.
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen mit einer hohen Dichte an Informationen, Unsicherheiten und gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert sind. Fragen nach Halt, Sinn, Beziehung und Orientierung verschwinden dadurch nicht, ganz im Gegenteil.
Psychotherapie kann darauf eigene Antworten anbieten. Religion und Spiritualität können andere Zugänge eröffnen. Entscheidend scheint mir, diese Perspektiven dort miteinander ins Gespräch zu bringen, wo es dem Menschen dient.
Mein Dank gilt Propst Mag. Leon Sireisky für seinen reichen Erfahrungsschatz und seine Offenheit im gemeinsamen Dialog, Caro Windsperger für ihre feinfühlige Moderation, Hildegard Gaber für ihre großartige Unterstützung in der Organisation sowie dem gesamten Team des Katholischen Bildungswerks und allen helfenden und mitwirkenden Menschen, die diesen Abend im Vor- und Nachgang mit viel Engagement vorbereitet, begleitet und ermöglicht haben.
Und vor allem danke ich allen Besucher*innen, die durch ihr Mitdenken, Mitfragen und ihre Resonanz aus diesem Abend etwas Gemeinsames gemacht haben.
Die Frage „Was uns trägt“ lässt sich nicht abschließend beantworten. Es lohnt sich, sie im Laufe des Lebens immer wieder neu zu stellen. Denn so wie sich das Leben verändert, können sich auch unsere Antworten verändern und mit ihnen das, was uns Halt gibt, Orientierung schenkt und trägt.

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